Nachteilsausgleiche im Studium und in Prüfungen

Im Folgenden führen wir Hinweise und Informationen sowie unsere Empfehlungen zur Gewährung von Nachteilsausgleichen auf, welche der Orientierung dienen können. Nachteilsausgleiche werden dabei als Kompensation für individuelle und beeinträchtigungsbedingte Benachteiligungen verstanden, welche im Kontext des Studiums aufgrund der zeitlichen und formalen Vorgaben entstehen. Sie stellen somit Lösungen für einzelne Student*innen dar. Nicht vorhandene Gestaltungsspielräume sollen somit ausgeglichen und das Studium für Student*innen mit Beeinträchtigung oder chronischer Erkrankung ermöglichen. Angestrebt wird damit die chancengerechte Teilhabe am Bildungssystem Hochschule. Darüber hinaus können und sollten Maßnahmen im Sinne von Lösungen für Alle im Kontext der Herstellung von Barrierefreiheit ergriffen werden, wie beispielsweise die generelle Studienflexibilisierung.

Eine sehr umfangreiche und weiterführende Darstellung bezüglich der Gewährung von Nachteilsausgleichen finden Sie hier bei der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks.

Themenbereiche

Rechtliche Grundlagen

Nachteilsausgleiche im Studium

Nachteilsausgleiche in Prüfungen

Antragsverfahren

Prüfungsunfähigkeit

Handreichungen

Rechtliche Grundlagen

Die Gewährung von Nachteilsausgleichen sowie die Wahrung der Chancengleichheit von Student*innen mit Beeinträchtigung oder chronischer Erkrankungen ist verschiedentlich gesetzlich geregelt und im Folgenden aufgeführt.

UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)

Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention fokussiert das Recht von Menschen mit Beeinträchtigung auf inklusive Bildung im Sinne des gleichberechtigten Zugangs zu den Bildungssystemen.

  • "Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass Menschen mit Behinderungen ohne Dis­kriminierung und gleichberechtigt mit anderen Zugang zu allgemeiner Hochschulbil­dung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen haben. Zu diesem Zweck stellen die Vertragsstaaten sicher, dass für Menschen mit Behinde­rungen angemessene Vorkehrungen getroffen werden." (Artikel 24 Absatz 5 UN-BRK)

Grundgesetz (GG)

Dass auch Student*innen mit Beeinträchtigung nicht benachteiligt werden dürfen, regelt schon das Grundgesetz in Artikel 3. Außerdem ist im Artikel 20 das Sozialstaatsprinzip festgelegt. Falls die Prüfungsordnungen keine Regelgungen zu den Nachteilsausgleichen vornehmen, so können sich Student*innen insbesondere auf Artikel 3 des Grundgesetzes berufen.

  • "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. [...] Niemand darf wegen seiner Behin­derung benachteiligt werden." (Artikel 3 GG)
  • "Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat." (Artikel 20 GG)

Hochschulrahmengesetz (HRG)

Das Hochschulrahmengesetz greift weiterführend die Regelung zur Nicht-Benachteiligung auf, geltend für alle staatlichen und staatlich anerkannten Hoch­schulen. Darüber hinaus müssen laut HRG die Prüfungsordnungen Regelungen treffen, welche der Chancengleichheit dienen.

  • "Die Hochschulen wirken an der sozialen Förderung der Studierenden mit; [...]. Sie tragen dafür Sorge, dass behinderte Studierende in ihrem Studium nicht benachteiligt werden und die Angebote der Hochschule möglichst ohne fremde Hilfe in Anspruch nehmen können." (§ 2 Abs. 4 HRG)
  • "Prüfungsordnungen müssen die besonderen Belange behinderter Studierender zur Wahrung ihrer Chancengleichheit berücksichtigen." (§ 16 S. 4 HRG)

Sächsisches Hochschulfreiheitsgesetz (SächsHSFG)

Im Sächsischen Hochschulfreiheitsgesetz sind ebenso die im HRG getroffenen Bestimmungen nahezu formulierungsgleich zu finden.

  • "Die Hochschulen haben insbesondere folgende Aufgaben: Sie [...] tragen dafür Sorge, dass Studenten mit Behinderung oder chronischer Krankheit in ihrem Studium nicht benachteiligt werden und die Angebote der Hochschule möglichst ohne fremde Hilfe in Anspruch nehmen können." (§ 5 Abs. 2 S. 12 SächsHSFG)
  • "Prüfungsordnungen müssen die Inanspruchnahme des Mutterschaftsurlaubes und der Elternzeit zulassen sowie der Chancengleichheit für behinderte und chronisch kranke Studenten dienende Regelungen treffen." (§ 34 Abs. 3)

Prüfungsordnungen

Dem Hochschulrahmengesetz sowie Sächsischem Hochschulfreiheitsgesetz folgend müssten die Prüfungsordnungen Maßnahmen zur Herstellung der Chancengleichheit berücksichtigen. Des Weiteren können auch andere Ordnungen oder Satzungen einer Hochschule Regelungen zu Nachteilsausgleichen beinhalten. Es ist somit möglich, die Regelungen zum Nachteilsausgleich hochschulweit einheitlich zu treffen oder in jeder Prüfungsordnung anders zu regeln. Ein vereinfachter Umgang kann möglicherweise dadurch gewährleistet werden, dass jede Prüfungsordnung im gleichen Paragraphen die gleichen Regelungen festhält.

Wichtig: Auch wenn die Regelungen in den Prüfungsordnungen fehlen, so können sich Student*innen auf die genannten gesetzlichen Regelungen berufen.

Nachteilsausgleiche im Studium

Aufgrund der oftmals eingeschränkten Flexibilisierungsmöglichkeiten des Studiums durch die Studien- und Prüfungsordnungen bedarf es nicht nur bezüglich der Prüfungen, sondern auch im Rahmen der Organisation und Durchführung des Studiums der Gewährung von Nachteilsausgleichen. Da die Schwierigkeiten jedoch immer individuell - in Abhängigkeit des Studienganges, des Studienortes, der Vorgaben, der Beeinträchtigungsart oder Erkrankung - sind, müssen auch die Nachteilsausgleiche individuell und in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation gestaltet werden. Die Flexibilisierung wird notwendig, weil Student*innen mit Beeinträchtigung oder chronischer Erkrankung nicht immer durchgehend leistungsfähig sind oder Zeit und Energie ebenso in andere Dinge, wie die Organisation des alltäglichen Lebens, therapeutische oder rehabilitorische Maßnahmen, investieren müssen. Darüber hinaus stehen nicht immer notwendige Hilfsmittel oder Arbeitsassistent*innen zur Verfügung, da Leistungen gegebenenfalls durch die Kostenträger*innen nicht fristgerecht oder ungenügend bewilligt werden. Ebenso können krankheitsbedingte (und unvorhergesehene) Pausen eintreten, welche den regulären Studienrhythmus unterbrechen. Neben diesen organisatorischen Barrieren wirken weitere - physische, kommunikative und didaktische - benachteiligend, sodass sich die Studienzeit gegebenenfalls aufgrund vielfältiger Aspekte verlängern kann. Aufgrund dieser Vielfältigkeit kann es kaum einheitliche Regelungen bezüglich der Nachteilsausgleiche geben. Eine Übersicht über denkbare und bewährte Maßnahmen soll Ihnen jedoch bei der individuellen Findung als Anregung dienen.

Möglicherweise geeignete und bewährte Maßnahmen

  • Individueller Stundenplan
  • Verlängerung von Abschlussfristen
  • Teilzeitstudium
  • Ermöglichung von Voll- und Teilzeitstudienphasen
  • vorbehaltliche Zulassung zu Modulen
  • bevorzugte Zulassung zu teilnahmebegrenzten Modulen
  • Anpassungen im Zusammenhang mit Praktika und Laboren sowie Exkursionen und Auslandsaufenthalten
  • räumliche Verlegung von Lehrveranstaltung
  • Anschaffung notwendiger Ausstattungen

Weiterführende Erläuterungen bezüglich der einzelnen Maßnahmen finden Sie hier.

Nachteilsausgleiche in Prüfungen

Auch im Kontext von Prüfungen beziehungweise Leistungsnachweisen (bspw. Klausuren, Referate, mündliche Prüfungen, Hausarbeiten, Berichte, Portfolio, Projektarbeiten, Abschlussarbeiten) können die Barrieren unterschiedlich sein. So kann es sein, dass Student*innen den Nachweis nicht in der vorgegebenen Art oder dem geplanten Zeitraum erbringen können. Aufgrund dessen müssen auch hier gegebenenfalls und einzelfallbezogen die Bedindungen angepasst werden. Eventuell kann es ebenso notwendig sein, mehrere Maßnahmen anzuwenden. Darüber hinaus können die Maßnahmen von Prüfung zu Prüfung variieren.

Mögliche Maßnahmen, die der Orientierung dienen können:

  • Verlängerung der Schreibzeit bei Klausuren, der Vorbereitungszeit bei mündlichen Prüfungen, der Prüfungszeit aufgrund anfallender und notwendiger Pausen, der Bearbeitungszeit von Haus-, Projekt- oder Abschlussarbeiten
  • Verlegung der Prüfung in einen separaten Raum
  • Änderung einer Prüfungsform (bspw. statt einer Klausur eine mündliche Prüfung)
  • Änderung beziehungsweise Anpassung einer praktischen Prüfung
  • Unterteilung von Leistungen in Teilleistungen
  • Möglichkeit zur Nutzung von Hilfsmitteln und/oder Assistenzen (bspw. Notebooks)
  • Adaption von Prüfungsunterlagen (bspw. barrierefreie digitale Dokumente oder in Großdruck)
  • Nichtbewertung von Rechtschreibfehlern in Klausuren
  • Änderung von Ort oder Zeitpunkt der Prüfung sowie ggf. Einflussnahme auf den Sitzplatz oder die Aufsicht
  • Nichtwertung von Prüfungsrücktritten aufgrund der Beeinträchtigung
  • Verlängerung der Abmeldefristen von Modulen

Detailliertere Hinweise finden Sie hier.

Antragsverfahren

Oftmals ist der Antrag auf Nachteilsausgleich formlos und schriftlich zu stellen. Im Antrag müssen die gewünschten Modifi­kationen benannt und deren Erforderlichkeit begründet werden. Insgesamt ist darauf hinzuweisen, dass die über den Antrag entscheidenden Stellen teilweise keine einschlägigen Erfahrungen oder Vorkenntnisse aufweisen, sodass diese in die Lage versetzt werden sollten, die Situation anhand der vorliegenden Unterlagen nachvollziehen und die Maßnahmen prüfen zu können. Insbesondere der Zusammenhang zwischen der Beeinträchtigung oder Erkrankung und der daraus folgenden Studienerschwernis sollte deutlich werden.

Im Antragsverfahren sollte deshalb grundlegend Folgendes nachgewiesen beziehungsweise dargestellt werden:

  1. das Vorliegen einer Beeinträchtigung oder Erkrankung sowie
  2. der Umstand, wie sich die Beeinträchtigung oder Erkrankung im Studium auswirkt.

Nachweis der Beeinträchtigung oder Erkrankung

Festgehalten werden kann, dass der Nachweis, der zur Darlegung der Beeinträchtigung oder Erkrankung herangezogen wird, ein geeigneter sein sollte. Dieser kann jedoch vielfältiger Art sein. Denkbar sind beispielsweise

  • Fachärztliches Attest, fachärztliche Stellungnahme
  • Stellungnahme approbierte*r psychologische*r Psychotherapeut*in
  • Feststellungsbescheid des Versorgungsamtes über eine Beeinträchtigung beziehungsweise Schwerbehinderung oder "Schwerbehindertenausweis"
  • Bewilligungsbescheid eines Kostenträgers
  • (Auszüge aus einem) Behandlungsbericht
  • Stellungnahme oder Bericht eines Rehabilitationsträgers
  • Stellungnahme des*der Beauftragten für Student*innen mit Beeinträchtigung oder chronischer Erkrankung

Wichtig: Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Beeinträchti­gung nicht amtlich als (Schwer-) Behinderung festgestellt sein muss. Ebenso begründet das Vorliegen eines "Schwerbehindertenausweises" allein keinen Nachteilsausgleich.

Nachweis der Studienerschwernis

Neben der Beeinträchtigung oder Erkrankung sollte die Studienerschwernis dargestellt werden, da die Gewährung eines Nachteilsausgleichs maßgeblich von den konkreten Auswirkungen auf das Studium abhängt. Deshalb sollte eine Darstellung dessen erfolgen, in welcher Weise das Studium oder eine Prüfung erschwert wird, sodass konkrete Nachteile ausgeglichen werden können. Die beantragenden Student*innen sollten dabei als Expert*innen in eigener Sache verstanden werden.

Antragsstellung

Insbesondere dann, wenn es kein einheitliches Verfahren gibt, sollten Student*innen sich rechtzeitig darüber informieren, ob, welche und wann Formalia eingehalten werden müssen. Als Ansprechpartner*innen stehen je nach Hochschule unterschiedliche Personen, wie Prüfungsausschüsse, Prüfungsämter, Studienbüros oder Berater*innen zur Verfügung. Je nach Art der Modifikation - Änderung der Studienbedingungen, Veränderung konkreter Prüfungen oder Teilnahmebedingungen - können andere Stellen zuständig sein.

Generell kann empfohlen werden, den Antrag rechtzeitig zu stellen, damit eventuelle Rückfragen geklärt oder gegebenenfalls Expert*innen befragt werden können. Ebenso kann die Umsetzung von Prüfungsmodifikationen zeitliche Ressourcen seitens der Hochschule benötigen. Möglicherweise sind hochschulinterne Fristen einzuhalten.

Sollten prüfungsrelevante Einschränkungen jedoch kurzfristig auftreten, so können und müssen Anträge auf Nachteilsausgleiche auch unter gegebenen Umständen bearbeitet werden.

Wichtig: Die Entscheidung bezüglich eines Antrages auf Nachteilsausgleich stellt im Kontext von Prüfungen und Abschlussarbeiten in der Regel einen Verwaltungsakt dar, gegen welchen bei Ablehnung Widerspruch eingelegt werden kann.

Weiterführende Informationen, insbesondere auch zu (rechtlichen) Schwierigkeiten, finden Sie hier.

Prüfungsunfähigkeit

Nachteilsausgleiche können in der Regel nur Student*innen gewährt werden, die grundsätzlich prüfungsfähig sind. Bei akuten Erkrankungen oder Verschlechterungen bestehender gesundheitlicher Beeinträchtigungen kann es jedoch vorkommen, dass Student*innen Prüfungen nicht absolvieren oder Abgabefristen nicht einhalten können. Bei Vorlage eines ärztlichen Attests gegenüber dem Prüfungsamt wird dies als Prüfungsunfähigkeit bewertet. Im Gegensatz dazu können jedoch auch Student*innen mit kurzzeitigen Beeinträchtigungen Nachteilsausgleiche gewährt werden, wenn diese sich als prüfungsfähig erklären. Dies ist trotz Vorliegen einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung möglich.

Darüber hinaus können während einer Prüfung - mündlich oder schriftlich - gesundheitliche Beschwerden auftreten. In einem solchen Fall sollte dies unmittelbar angezeigt werden, sodass die Prüfung abgebrochen werden kann. Anschließend muss ein ärztliches Attest ausgestellt werden, welches beim Prüfungsamt eingereicht wird.

Treten während der Prüfungssituation gesundheitliche Beschwerden auf, so kann es ebenso vorkommen, dass Student*innen nicht mehr fähig sind, die Prüfung rechtzeitig abzubrechen (s.g. unerkannte Prüfungsunfähigkeit). Wird ein ärztliches Attest vor Bekanntgabe der Noten und unverzüglich nachgereicht, so kann dieser Versuch als nicht stattgefunden gewertet werden.

Des Weiteren können Student*innen das reguläre Rücktrittsrecht nutzen, wenn die zeitlichen Vorgaben der Hochschulen eingehalten werden.